Paarweise

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Slow Sex

In unseren Seminaren machen wir häufig die Erfahrung, dass es vielen Liebespaaren offenbar schwer fällt, auf längere Sicht eine harmonische Beziehung aufrecht zu erhalten. Nach und nach entstehen Ratlosigkeit, Frustration und oft auch Schweigen. Auf der Suche nach Lösungen beginnen sich die meisten Paare mit mehr oder weniger hilfreichen Empfehlungen und Ratschlägen aus diversen Zeitschriften oder Büchern auseinanderzusetzen:

Ziel dieser Empfehlungen ist es, die fehlende Harmonie, wie wir sie meist aus der Anfangszeit einer Partnerschaft erinnern, wiederherzustellen. Nach einiger Zeit stellt sich jedoch meist heraus, dass all diese Rezepte nicht wirklich dazu beitragen, unser Beziehungsleben dauerhaft zu verbessern.

Man kann bei einer näheren Betrachtung durchaus zu der Erkenntnis kommen, dass die Ursache vieler Schwierigkeiten in der Art und Weise unserer gemeinsamen Sexualität begründet liegt.

Schauen wir uns dazu ein wenig näher das Bild der sexuellen Liebespraxis an, wie wir sie aus der schönen bunten Medienwelt oder durch familiäre Vorbilder sowie eigene idealisierte Vorstellungen dargeboten bekommen.

Der herkömmliche Sex ist seinem Wesen nach zielorientiert. Die Motivation in den Sex zu gehen, ist in der Regel Lust zu erfahren, sich gegenseitig zu erregen und am Ende der Begegnung einen Orgasmus zu erleben. Daher kann man sagen, dass diese Art von sexuellem Miteinander eher fortpflanzungsorientiert ist, da sich am Ende meist die Ejakulation des Mannes ereignet und somit auch eine potentielle Schwangerschaft die Folge sein kann.

fotolia_37032375_xs Wir befinden uns in solchen Momenten, ohne es zu bemerken, in einem biologisch verankerten Paarungsprogramm, das ohne unser bewusstes Zutun mehr oder weniger automatisch abläuft. Zugleich ereignen sich besondere neurochemische Vorgänge in unserem Gehirn.

Während des sexuellen Verkehrs produzieren die Körper beider Partner nämlich große Mengen des Hormons Dopamin. Dopamin wird auch als "Glückshormon" bezeichnet und ist die Vorstufe von Noradrenalin und Adrenalin. Es ist einer der wichtigsten Neurotransmitter (Botenstoffe) im Zentralnervensystem und zuständig für Koordination, Motorik, Konzentration, Antrieb, Motivation, Appetitregulation und kognitive Leistungsbereitschaft.

Im Verlauf einer sexuellen Begegnung, insbesondere durch intensive Stimulation, steigt die Ausschüttung von Dopamin stetig an. Unmittelbar nach dem Orgasmus fällt dieses Dopamin dann rapide ab und zieht dadurch oft eine tiefe Erschöpfung oder Müdigkeit nach sich. Manchmal empfinden wir nach solch einem Höhepunkt sogar ein tiefes Bedürfnis nach Ruhe und Alleinsein. Diesen Vorgang können wir als ein evolutionsbiologisches Erbe betrachten, da es im Kontext der Fortpflanzungsorientierung für unseren Organismus von großem Interesse ist, sich genetisch möglichst zahlreich zu vermehren. Am "effektivsten" lässt sich dieses Ziel durch häufigen Sex, gerne auch mit wechselnden oder neuen Partnern erreichen, da es die Chancen unserer Gene erhöht, sich zu reproduzieren.
In diesem allmählich verlaufenden Prozess der Beziehungsentwicklung beginnen nach einer anfänglichen Hoch-Zeit der unstillbaren Lust und Leidenschaft zwischen den Partnern, dann oft die üblichen Probleme.

Erste Anzeichen zeigen sich meist in Gestalt von latenter oder offener Reizbarkeit, Unausgeglichenheit, Erschöpfung, ein Gefühl des Getrennt-Seins voneinander und damit oft einhergehend ein Nachlassen der sexuellen Anziehung, oft auch eine gewisse Zerstreutheit und im Allgemeinen körperliche Spannungen.
Bei Männern kann dies im Extremfall bis zu Erektionsproblemen und bei Frauen zu sexuellem Desinteresse führen. Eine sexuelle Übersättigung schleicht sich ein. Neurochemische Fluktuationen nach dem Orgasmus sorgen nämlich dafür, dass wir unseres Partners überdrüssig werden können und uns neue Partner attraktiver erscheinen. Dies kann nach einem Liebesakt bis zu zwei Wochen andauern, bevor die Körper wieder bereit sind, sich zu "paaren". Da wir diese Zustände und subtilen Spannungsgefühle meist als unangenehm empfinden, sind wir bestrebt, diese möglichst schnell zu beseitigen - angeblich am leichtesten durch einen erneuten sexuellen Kontakt.

In unserer modernen Kultur stehen uns zusätzlich zum Sex zahlreiche andere Möglichkeiten und Ablenkungsstrategien zur Verfügung, die uns in eine scheinbar angenehm körperliche oder seelische Verfassung erheben können. Eine Art "Selbstmedikation" durch ersatzweise Befriedigungen bietet sich nun den voneinander enttäuschten Partnern an. Angefangen bei Dingen wie dem Konsumieren von Zucker, Alkohol, Zigaretten über verschiedene Aktivitäten wie dem Fernsehen, dem Computerspielen ( Internet/ Pornographie ), dem unangemessenen Einkaufen, dem bis zur Erschöpfung führenden Arbeiten oder dem regelmäßigen Konsumieren von Sex.

Insbesondere der Sexualverkehr mit abschließendem Orgasmus verspricht uns nun erneut eine schnelle Form der Entspannung.
An dieser Stelle steigen wir allerdings häufig in eine Achterbahn unserer Neurobiologie ein, deren Wegstrecke durch Höhen und Tiefen hindurchführt, hervorgerufen durch das oben erwähnte Dopamin. Eine erneute Stimulation erhöht den sogenannten Dopaminspiegel erst einmal und gibt unserem Körper ein Gefühl des Wohlbefindens. Bei bestimmten Drogen oder Ereignissen erleben wir sogar einen Zustand des Rausches.

Doch einem jeden Hoch folgt mit unausweichlicher Sicherheit ein ausgleichendes Tief, denn unser Körper ist ein äußerst intelligentes System, stets zuverlässig bestrebt, ein angemessenes Gleichgewicht zu erhalten.

Nach geraumer Zeit kann solch eine Situation in den Bereich einer Sexsucht oder einer Sucht nach anderen Stimulanzien führen, auf der ständigen Suche nach körperlich-emotionalem Wohlbefinden. Hier liegt die körperliche Ursache vieler Süchte und Abhängigkeiten begründet, die allerdings nach unserem Verständnis einen ehrlichen Ausdruck vorhandener innerer Abhängigkeitsstrukturen darstellen.
Es entsteht ein Kreislauf, aus dem sich oft nur durch eine Entziehungskur die heilsame Lösung zurück in die Selbstbestimmung ergibt.

Wie können wir nun als Liebespaar diesen biologischen und zum Zwecke der Fortpflanzung durchaus sinnvollen Verläufen entgegenwirken, wenn wir eben keinen Nachwuchs zeugen möchten, jedoch uns körperlich intim und nährend begegnen und verbinden wollen?

fotolia_33500031_xs Hier kommt nun Slow Sex ins Spiel.

Slow Sex ist eine Form der körperlichen Vereinigung, in der die Aufmerksamkeit auf dem Austausch von bewusster Berührung und einer entspannten gemeinsamen Zärtlichkeit liegt. Dazu zählt ein sanfter Sexualverkehr, abgewechselt mit Phasen der Stille und einer großen Portion gegenseitiger Zuneigungsbezeugungen. Im Slow Sex steht das Erreichen eines Orgasmus nicht mehr an erster Stelle - vielmehr ist es das Anliegen, einen sinnlich-sexuellen Raum zu erschaffen, in dem ein Mehr an Intimität und Nähe, sowie ein Vertiefen der partnerschaftlichen Bindung und Begegnung möglich wird.
Beide Partner lernen, die innere sexuelle Spannung nicht über ein bewusst lenkbares Maß hinaus in eine heiße Zone zu führen, sondern gemeinsam über einen längeren Zeitraum wie auf einer Welle des sinnlichen Wohlbefindens zu "reiten" und in einem mehr kühleren Bereich zu verweilen, ohne dem Ziel, am Ende einen Orgasmus herbeiführen zu müssen. Allerdings geht es hierbei nicht um die Unterdrückung dieses natürlichen Vorganges, sondern vielmehr um das Erfahren einer körperlichen Vereinigung, fernab von Zielorientiertheit und Leistungsdruck.

Slow Sex bietet in diesem Kontext den Partnern eine Alternative, da diese Art des achtsamen körperlichen Miteinanders durch bewusstes Aussenden von Bindungssignalen ( wie z.B. Zuwendung, Augenkontakt, Streicheln um den Anderen zu entspannen ) dem manchmal sehr überwältigenden Dopamin eine zusätzliche neurochemische Substanz hinzufügt: das Oxytocin.

Oxytocin wirkt im Organismus auf natürliche Weise gegen Stress, Depression und defensives Verhalten. Es erzeugt angenehme Gefühle des Verbundenseins, Gefühle von Nähe und Vertrautheit. Es beruhigt außerdem starkes Verlangen und ist nach neuesten Forschungsergebnissen auch der Grund dafür, warum vertraute und insbesondere harmonische Beziehungen mit einem längeren Leben, schnellerer Heilung, einer niedrigeren Krankheitsrate und weniger Abhängigkeiten in Verbindung gebracht werden.
Auch ergibt sich in dieser Weise des Zusammenkommens kaum das Bestreben, seine Ruhe haben zu wollen, um nach `vollbrachter Leistung´ in den Schlaf zu gleiten.

Wir sprechen hier von einer bindungsbasierten Liebespraxis, die unser angeborenes Bedürfnis nach Bindung und sozialem Kontakt sehr befriedigend erfüllen kann.

Das Experimentieren mit bindungsorientierten Ansätzen im alltäglichen Miteinander kann daher sehr unterstützend darin sein, ein Mehr an Intimität und Nähe zwischen den Partnern zu ermöglichen.

Allerdings sei ebenso gesagt, dass Räume des echten Austausches und der ehrlichen Begegnung zwischen den Partnern nur möglich sind, wenn die Beziehung zum eigenen Inneren, den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen gegeben ist. Auch braucht es ein ausgewogenes Verhältnis zwischen dem persönlichen Bedürfnis nach Autonomie und Selbstbestimmung und unserem Bedürfnis nach Verbindung und Intimität zu unserem Liebespartner.

Das Erforschen einer Liebespraxis wie dem Slow Sex kann einen völlig neuen Beziehungsraum eröffnen, in dem wir Fülle statt Bedürftigkeit erleben. Die Partnerschaft wird auf eine neue Ebene gehoben, in der wir friedlicher, entspannter und liebevoller mit unserem Partner und mit uns selbst umgehen können. Dies wirkt sich auf unser gesamtes Leben aus und bereichert unseren Alltag auf erfüllende Weise. Auch wenn Orgasmusfixierung in der Sexualität ein tief verwurzeltes Programm in uns ist, kann es ein sehr lohnenswertes Unterfangen sein, sich auf den Forschungsweg einer neuen Liebespraxis zu begeben, um neue Wege der Liebe einzuschlagen!

Im sexuellen Kontext kann das Erforschen solch einer Liebespraxis uns dahingehend unterstützen, eine Sexualität mit unserem Partner zu erleben, in der wir die Freiheit einer Wahl an die Hand bekommen - einer Wahl zwischen einem langfristig im Ergebnis trennenden sexuellen Beisammensein oder einer Zweisamkeit, die uns sowohl in unserem Bedürfnis nach Verbindung als auch in unserem Bedürfnis nach echter Nähe und Intimität immer wieder neu bestärken und nähren kann.

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Ein paar Worte zum Thema "Pornografie und Sexkonsum"

Sex in unserer Gesellschaft

fotolia_52107327_xs Ob beim Einkaufen, beim Fernsehen oder bei anderen Unternehmungen - unsere Sinne sind einer Flut unterschiedlichster Reize ausgesetzt. Insbesondere durch sexuelle Reize wird in der heutigen Zeit allerorts versucht, unsere Aufmerksamkeit einzufangen - man denke nur an die Werbung!
Sex und Erotik ist Teil des großen Warenangebotes unserer konsumorientierten Gesellschaft geworden - die steigenden Umsatzzahlen sprechen für sich und die pornografische Industrie verzeichnet beständige Wachstumsraten.

Das Internet spielt hierbei mittlerweile eine entscheidende Rolle. Der regelmäßige Konsum z.B. von Pornografie ist durch das weltweite Netz explosionsartig angestiegen.
Nie war es einfacher, sich in geschützter und anonymer Atmosphäre, den sexuellen Kick in Form von Bildern und Filmen in die eigenen vier Wände zu holen.
Nie war es einfacher, sich beständige Abwechslung zu gönnen, bedingt durch ein ständiges Nachproduzieren von neuem pornografischem Material.

Da mag der Eine oder die Andere einwenden, dass sei doch in Ordnung, wenn es Spaß mache, die Lust befördere und das Liebesleben wieder ein wenig in Schwung bringe. Doch unser kollektiver Umgang mit dem Thema Sex und seinem Massenkonsum hat für uns scheinbar gravierende Folgen, denn:

68% aller Paare haben Probleme mit sexuellem Verlangen in ihrer Partnerschaft!

40% alle Paare küssen sich nur selten, wenn sie miteinander schlafen!

87% aller Paare erleben beim Sex keine intimen Gefühle miteinander!

37% aller Paare schauen sich nicht in die Augen, während sie Liebe machen!


Gerade der pornografische Umgang mit dem Sex und der Liebe beeinflusst die Aspekte von Verbindung, Vertrauen und Intimität in einer Partnerschaft nachhaltiger, als wir bisher dachten.
In zahlreichen Experimenten mit männlichen und weiblichen Ratten entdeckte man den sogenannten Coolidge-Effekt. Es handelt sich hierbei um ein biologisch verankertes Fortpflanzungsprogramm, das insbesondere die männliche Ratte veranlasste, immer wieder zu befruchten - vorausgesetzt ihm wurde dann und wann ein jeweils neues Weibchen vor den Penis gesetzt. Verantwortlich für diesen Vorgang ist das im Volksmund als "Glückshormon" bekannte Dopamin. Dieses wird im Gehirn immer dann ausgeschüttet und sorgt für angenehme bis beglückende Gefühle, wenn z.B. die Möglichkeit nach Fortpflanzung der eigenen Art in Aussicht gestellt wird. Ein neues Weibchen erzeugt hierbei einen wiederholten Dopaminanstieg und signalisiert dem Gehirn eine erneute Gelegenheit, die eigenen Gene durch den Befruchtungsakt an die Nachwelt weiterzugeben. Das immer gleiche Weibchen dagegen, lässt die Glückshormone allmählich absinken.
So können wir verstehen, dass diese Art des Umgangs mit dem Sex sehr verlockend, ja regelrecht suchterzeugend sein kann.
Jedoch trieben die Wissenschaftler mit diesem Experiment so manchen Rattenmann fast bis an den Rand des Todes - durch völlige Erschöpfung!

fotolia_49834196_xs Was uns bei diesem Experiment vielleicht zum Schmunzeln veranlasst, ist in seiner Konsequenz zu Ende gedacht eher zum Weinen.
Zum Einen bezahlen wir einen hohen Preis für unsere Suche nach immer neuen Reizen: Was die Ratte mit vorhersehbarer Präzision in den Erschöpfungstod treiben würde, kann beim menschlichen Vertreter der männlichen Spezies den erektilen Burn-Out einleiten, auch erektile Dysfunktion genannt. Sobald die permanente Stimulierung durch andere "befruchtungswillige" Frauen, wie sie uns z.B. durch pornografisches Material präsentiert werden, nachlässt, beginnt der oft völlig erschöpfte Penis seine wohlverdiente Ruhepause einzufordern und macht schlapp.
Zum Anderen tritt vermehrt ein schwindendes Interesse am Partner ein, da dieser sich nicht tagtäglich in ein neues Sexobjekt verwandelt - immer bereit zum ultimativen Geschlechtsakt. Untersuchungen haben auch hier gezeigt, dass Attraktivität und Anziehung zum "realen" Partner mit steigendem Sexkonsum kontinuierlich nachlassen.
Auch wenn dieser Sachverhalt verstärkt die männliche Sexualität betrifft, gibt es deutliche Hinweise darauf, dass auch Frauen sich vermehrt in eine konsumierende Haltung begeben. Denn auch für die weiblich Sexualität gelten erst einmal die gleichen hormonellen Bedingungen, um ein körperliches Glückserleben durch Dopamin hervorzurufen.

In unserem Bekanntenkreis, in unseren Seminaren und in unserer Beratungspraxis kommen wir in den letzten Jahren vermehrt mit dieser Problematik und einem damit verbundenen Leidensdruck in Kontakt.
Daher ist es uns an dieser Stelle ein großes Anliegen, Ihnen ein paar Informationen darüber gegeben zu haben, wie sich regelmäßiger Konsum von Pornografie oder anderweitigen sexuellen Inhalten auf Intimität und Sexualität in der Partnerschaft auswirken kann.


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