Slow Sex Erfahrungen und Gedanken eines Mannes
Aus und vorbei! Meine Tage als sexueller Mann sind gezählt. Nachdem ich mir Jahrzehnte lang meine männliche Sexualität in oft mühsamer Kleinstarbeit mittels Leidenschaft und Leistung erworben habe, soll ich dies nun alles loslassen, langsam und empfänglich werden? Wohin mit meiner männlichen Kraft? Alles Gelernte vergessen und von vorne beginnen?«
Diese und ähnliche Sätze begegnen mir immer wieder, wenn ich als Mann über Achtsamkeit im sexuellen Kontext spreche, wenn ich darüber berichte, wie ich das Liebesspiel erlebe und mich dabei entspanne und absichtslos den jeweiligen Augenblick wahrnehme und wie zugleich Effizienz und Zielorientierung gegenstandslos werden.
Was kann mich als Mann dazu veranlassen, mich diesem Thema zuzuwenden? Was lässt mich im Sex bemerken, dass es vielleicht auch noch andere Erfahrungsräume gibt, fernab von männlicher Konditionierung und Gewohnheiten im Bett? Lohnt es sich, den eigenen sexuellen Horizont zu erweitern, um neue und vielleicht auch unbekannte Orte zu entdecken?
Aktuelle Situation
Wir Männer wissen in der heutigen Zeit eigentlich gar nicht mehr, wo uns der Kopf bzw. Penis steht: Leistungsdruck, Effektivität, bestmögliche Verfügbarkeit und Funktionalität sind meist unhinterfragte Vorgaben, um im Leben ein Mann zu sein. Nicht nur im täglichen Berufsumfeld, sondern auch in familiären Zusammenhängen bis hinein in den intimen Raum des sexuellen Miteinanders meint der Mann eine angemessene Leistung erbringen zu müssen. Während dabei der sogenannte Burnout mittlerweile eine anerkannte Funktionsstörung darstellt und ins allgemeine Gesellschaftsbewusstsein vorgedrungen ist, werden andere Bereiche des männlichen Lebensfeldes fast gar nicht thematisiert:
- zunehmende Lustlosigkeit auf Sex mit der eigenen Partnerin
- die um sich greifende Unfähigkeit, auch im Bett seinen Mann zu stehen, der erektile Burnout
- wachsende Abhängigkeit von sexuellen Reizen, bestens bedient durch eine Pornoindustrie und einen riesigen Markt für Sex-Equipment aller Art
- der Leidensdruck, den viele Männer vermehrt in sich erleben, weil sie realisieren, dass die Beziehung zu sich selbst auf der Strecke bleibt und somit auch der Kontakt zum Gegenüber sich immer schwerer gestaltet
- eine große Feinfühligkeit des Mannes im Bereich seines Herzens und die daraus entstehenden Bedürfnisse und Beziehungsdynamiken.
Angebote für solche Räume, die es mir als Mann ermöglichen, diese Themen zu bewegen, gibt es heute in therapeutischen, spirituellen oder kirchlichen Männergruppen. Für viele Männer aber sind sie bis heute ein Tabu.
Die Folgen
Dieses Tabu hat weitreichende Folgen. Denn immer wieder versuchen viele Männer einem Bild zu entsprechen, das durch Medien, Ratgeber und pornografisches Material in ihre Köpfe eingeprägt wird. Mit der Realität in den Schlafzimmern hat dieses Bild jedoch herzlich wenig zu tun. Diese besteht in der Regel aus einer Menge Unzufriedenheit und chronischer Unsicherheit bzgl. der Fragen nach dem modernen Mann im sexuellen Miteinander. Denn letztendlich erleben die meisten Männer nach einer gewissen Zeit, dass auch Strapse & Co. oft nur kurzfristige Entspannung und Vergnügen mit sich bringen.
Haben wir denn verlernt, körperlich zu lieben? Ja, das haben wir!
Wir haben gelernt, zu imponieren, zu leisten und durchzuhalten. Wir haben gelernt, eine Performance im Bett abzuliefern, in der Hoffnung, darüber Anerkennung, Zuwendung und letztendlich Liebe zu erhalten. Wir haben gelernt, uns zu verleugnen, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu verdrängen, um willkommen und angenommen zu sein.
Doch welcher Mann kann von sich sagen, dass er bei der Frau mit seinem Sex ehrlich willkommen ist? Und welcher Mann kann davon berichten, dass er die Frau in der Tiefe wirklich erreicht? … und damit meine ich nicht, es ihr ordentlich zu besorgen oder ihr viele Orgasmen zu bescheren.
Mein eigener Weg
Auch ich habe meine Frau im Sex immer wieder nicht erreicht, weil mir der Kontakt zu mir selbst abhanden gekommen war und ich nicht fühlen wollte, was ich wirklich brauche, um eine liebevolle und achtsame Beziehung mit meinem eigenen Inneren leben zu können. So entstand in mir die Hoffnung, mich wenigstens über den Sex zu spüren und dadurch einen Zugang zu mir zu finden. Meist ging es jedoch immer nur um mich selbst.
Dann begegnete ich Diana Richardson und ihrem Mann, die beide seit über 20 Jahren intensiv den Zusammenhang von Bewusstheit und Sexualität erforschen und in ihrem 7-tägigen »Making Love Retreat« den Paaren durch entsprechende Theorie und Praxis einen Erfahrungsraum ermöglichen, in dem die Liebenden eine tiefe Verbindung im sexuellen Miteinander erleben können. Nach dem ersten Retreat mit meiner Frau vor fast 10 Jahren veränderte sich unsere Begegnung im Sex grundlegend.
Ich realisierte: da gibt es ein Gegenüber und das möchte berührt werden, möchte gemeint sein und möchte mir in die Augen schauen können, um zu sagen: »Ich liebe Dich, weil Du in mir bist und ich liebe es, wie Du in mir bist.«
Nach und nach wurde mir bewusst, dass es da einen Raum gibt zwischen mir und diesem »Du« – einen Zwischenraum, der allerdings eine bestimmte innere Haltung erfordert, um ihn betreten zu können. Eine Haltung, die man im heutigen Medienspektakel um das Thema Sex vergebens sucht.
Slow Sex lehrte mich diese Haltung und erschloss mir neue Erfahrungsfelder.
Die innere Haltung
Achtsamkeit und Entspannung waren hierbei die entscheidenden Schlüssel. Sie brachten einerseits eine zuvor nicht erlebte Intimität und Nähe in den Beziehungsraum, andererseits ermöglichten sie ein Hineinwachsen in eine neue und selbstbewusste Männlichkeit. Ich entwickelte mich zu einem Partner, der ein neues männliches Selbstbewusstsein ausbildete, denn ich war bei meiner Frau mit meinem Sex und somit auch mit meiner Männlichkeit wieder willkommen.
Diese innere Haltung von Bewusstheit und Entspannung war der Wendepunkt meines Veränderungsprozesses. Ich beschreibe diese Haltung auch gerne als ein Anwesend-Sein in mir und zugleich im Du. Einem Zustand, der mich befähigt, in diesem Zwischenraum des Ich und Du einfach da zu sein – ohne Zielkoordinaten und Leistungsparameter. Ich spreche von Gegenwärtigkeit und Gewahr-Sein, von Kontemplation als der Kunst, in diesem Raum verweilen zu können – präsent zu sein.
Präsenz im Sex als neue Definition von Mann-Sein
Ich erkannte für mich, dass meine Essenz als Mann in der Fähigkeit besteht, präsent im Sex zu sein. Dieser Weg zu mehr Präsenz war ein tiefer, oft auch schmerzhafter Prozess des Loslassens alter Gewohnheiten, daher erforderte er Geduld und Mitgefühl mit meinen eigenen Mustern und sexuellen Konditionierungen. Und dieser Weg verlangte eine radikale Ehrlichkeit gegenüber meinen eigenen Gefühlen, Bedürfnissen und wahren Absichten, warum ich Sex haben wollte.
Dadurch erfuhr ich eine tiefe Verbundenheit, ein Ankommen bei meiner Frau – ich entspannte mich. Denn auch ich als Mann habe ein tiefes Bedürfnis, mich im Sex entspannen zu können. Es entstand ein Sex, der aus dem Präsent-Sein in meinem Penis erwuchs. Er löste sich von einem genitalen Hunger, immer haben und penetrieren zu wollen und begann etwas zu teilen, weil ich erleben konnte, dass ich durch diesen neuen Kontakt zu meinem Inneren mir selbst mehr und mehr genügte. Sex und Herz gingen wieder eine Verbindung miteinander ein, weil ich als Mann über meine Präsenz im Penis meine Liebe zur Frau und die Würdigung ihrer Weiblichkeit zum Ausdruck brachte. Ich wurde liebender als Mann, lernte meine männliche Kraft wieder zu ehren und erlebte diese nicht weniger dynamisch als die Kraft der Leidenschaft und Wildheit. Sie ist mehr verinnerlicht und erfasst den gesamten Körper auf eine Art und Weise, die mich alle Sinnesempfindungen intensiver wahrnehmen lässt und ein Mehr an Lebensenergie erzeugt. Sensibilität statt Sensation, Energiegewinn statt Energieverlust, Entspannung statt Anspannung und Stress.
Sex und Herz
Diese Verbindung zwischen Sex und unserem Herzen spielt im Slow Sex gerade für uns Männer eine zentrale Rolle, um nicht nur den genitalen Akt auszuüben. Was braucht es daher, um den Herzraum zu erschließen, der bei vielen Männern verschlossen, ja regelrecht verpanzert ist?
Dazu ein kleiner Ausflug in die Welt der Polarität von Mann und Frau. Man verzeihe mir dabei die etwas vereinfachte Gegenüberstellung. Sie wird der Komplexität des Lebens sicher nicht gerecht, zugleich macht sie aber etwas deutlich, das durchaus als Gesetzmäßigkeiten der schöpferischen Kräfte im Universum entdeckt werden kann.
In der Genderforschung werden Unterschiede zwischen den beiden Geschlechtern weitgehend soziokulturellen Ursachen zugeschrieben. Es ist allerdings eine biologische Gegebenheit, dass unsere Körper bei einem Großteil der Menschheit einen Unterschied in den Genitalien aufweisen. Lassen wir die Formensprache der Fortpflanzungsorgane auf uns wirken, treten uns zwei grundsätzlich verschiedene Dynamiken entgegen. Hier der Penis als ein expressives, nach außen gestülptes Organ, dafür geschaffen etwas in den Umraum abzugeben. Dort die Vagina als ein impressives, nach innen gestülptes Organ, dafür geschaffen etwas aufzunehmen. Scheinbar gestaltet die Schöpfung mit polaren, entgegengesetzten Kräften. Zum einen eine Kraft der Dynamik, der expressiven und nach außen wirkenden Richtung – zum anderen eine Kraft des Aufnehmens, der impressiven und nach innen wirkenden Richtung. Im Slow Sex sprechen wir von einem aktiven und einem passiven oder auch dynamischen und empfänglichen Pol. Nicht im Sinne eines moralischen Urteils, eher als Beschreibung zweier entgegengesetzter Prinzipien, die sich zugleich ergänzen und für sich allein gesehen nicht existieren könnten.
Möchten wir Sex und Herz miteinander verbinden, braucht es diesen Blick auch auf das Herz. Hier finden wir das expressive Prinzip in den Brüsten der Frau und deren nach außen gestalteten Organik. Die Frau gibt über ihre Brüste dem Säugling die zum Leben und Gedeihen so wichtige Muttermilch, während der Mann über seinen Penis den zur Entstehung dieses Lebens so wichtigen Samen spendet. Der Brustbereich des Mannes wirkt dagegen eher zurückgehalten und beherbergt dort seinen aufnehmenden und empfänglichen Pol. Daher verfügt der Mann von seinem Wesen her eigentlich über eine hohe Kompetenz in Gefühlsangelegenheiten, während die Frau in sexuellen Zusammenhängen höchste Kompetenz ihr Eigen nennen kann. Denn das Aufnehmende ist jenes, welches spürt und fühlt und daher als erstes Disharmonisches oder Schmerzhaftes wahrnehmen kann.
Eine neue Liebeskultur
Der Mann besitzt wie die Frau sowohl einen empfänglichen als auch einen dynamischen Pol, jedoch in entgegengesetzter Veranlagung. Da unsere empfänglichen Pole höchst empfindsam und verletzlich sind, brauchen sie, um sich im Sex öffnen zu können, einen sensiblen Kontakt, der auf Achtsamkeit, Langsamkeit und Entspannung beruht. Solch ein Kontakt vermittelt Sicherheit, Geborgenheit und Bindung. Die Frau entspannt sich in ihrer Vagina, der Mann entspannt sich in seinem Herzen.
So ist es wichtig, dass wir Männer wieder ein Bewusstsein dafür entwickeln, mit welcher Absicht wir in den Sex hineingehen, um darauf vertrauen zu können, wirklich willkommen zu sein. Auch lässt es uns leichter verstehen, wie empfindsam wir Männer in unserem Herzen eigentlich beschaffen sind.
Fehlt uns dieses Wissen und mangelt es an entsprechender Achtsamkeit, ist das Empfängliche bei Frau und Mann immer wieder überfordert. Die Frau verliert die Lust am Sex oder lässt ihn mehr oder weniger angespannt über sich ergehen. Der Mann verschließt sich in seinem Herzen und zieht sich emotional zurück, so dass seine Frau ihn nicht mehr erreichen kann und an ihm zu zerren beginnt: »Nun sprich doch endlich mal über Deine Gefühle!« Dieses Wissen ermöglicht uns somit ein neues Verständnis bei der Entwicklung einer neuen Beziehungs- und Liebeskultur. Und sicher braucht es auch eine Kultur der Versöhnung und des ehrlichen Austausches, in der alle die Verletzungen, die wir uns über die Jahrhunderte aus Unwissenheit und Unbewusstheit gegenseitig zugefügt haben, heilen können. Sei es im persönlichen Kontext durch eine achtsame Kommunikationskultur und durch mehr Bewusstheit in der sexuellen Begegnung. Sei es im kollektiven Feld durch gemeinsame Begegnungsräume wie z.B. den Frauen-/ Männerkongress, der alljährlich in Deutschland stattfindet. In diesem Kongress gehen wir solchen Fragen nach, erforschen andere, vielleicht auch noch unbekannte Wege des Miteinanders und wollen damit einen Kulturimpuls initiieren – weg von Konkurrenz, Kampf und Habenwollen, hin zu Kooperation, Unterstützung und ein Mehr an Bewusstheit zwischen den männlich/weiblichen Kräftekonstellationen.
Unser Beitrag
Wenn auch das Vorangegangene sicher ein wenig schablonenhaft dargestellt ist, wird nun vielleicht an dieser Stelle dem einen oder anderen Leser deutlich, dass dieser Ansatz in seinen Grundannahmen für dieses neue Verständnis enorm hilfreich sein kann.
Nun sind wir seit einigen Jahren selbst dabei, an solch einer neuen Kultur mitzuwirken. Zum einen als Paar durch unsere »Making Love Retreats« zum Thema Achtsamkeit und Sexualität. Hierbei begleiten wir gemeinsam andere Paare auf ihrer ganz eigenen Abenteuer-Reise in den Slow Sex. Wir ermutigen dazu, die eigene Beziehung, Sexualität und Kommunikation miteinander zu erkunden und laden dazu ein, selbst Liebesforscher zu werden. Zum anderen als Mann und als Frau, indem wir Räume schaffen, wie sie im Vorfeld des Frauen-/Männerkongresses, z.B. in der sogenannten Männerzeit gegeben sind. Ein Raum, in dem die Männer unter Männern sein können, um sich in der eigenen Kraft zu stärken. Jedoch nicht im Sinne eines Gegeneinanders zwischen den Geschlechtern, sondern im Sinne eines Beitrages, aus den ganz eigenen Qualitäten dieser Polarität heraus in ein weiterführendes Miteinander zu gelangen, basierend auf Wertschätzung und Achtung der jeweils anderen Seite durch Bewusstheit.
Tattva Viveka 2014
